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Gottfried Keller und der Wert der Dichterei

Gottfried Keller (1819-1890) ist einer der bedeutendsten Schweizer Schriftsteller des 19. Jahrhunderts. Seine zahlreichen Novellen und Romane geniessen ein so grosses Ansehen, dass Keller im Kanon der deutschsprachigen Literaturgeschichte ein fester Platz zusteht. Wie Max Frisch ein Jahrhundert später, stammte auch er aus der Limmatstadt Zürich.

Wie es scheint, war Keller ein grosser Weinliebhaber. Für ihn waren Weine wertvolle Naturprodukte und kostbare Luxusgüter. Der Wein sei die „edelste Gabe der geistdurchdrungenen lebensnahen Natur“ philosophiert etwa der grüne Heinrich, Hauptfigur des berühmten Romans gleichen Namens. Doch nicht nur in seiner literarischen Welt beschäftigte sich der Schriftsteller mit Wein. In seiner Rolle als Staatsschreiber des Kantons Zürichs liess Gottfried Keller 1862 beispielsweise mit einer Weisung den Klosterkeller Rheinau mit dem Zürcher Spitalamtskeller zusammenlegen. Damit legte er den Grundstein für die Staatskellerei Zürich, die jahrzehntelang die kantonalen Spitäler mit Wein versorgte.

Gottfried Keller in einer Fotografie aus der Zeit um 1870.

In Kellers Werken erhält der Leser einen Einblick in die Weinkultur des 19. Jahrhunderts. So findet sich eine interessante Stelle in der populären Novelle Romeo und Julia auf dem Dorfe, die einiges über den femininen Weinkonsum dieser Zeit aussagt.  Nach einem ausgiebigen Mittagsmahl bestellt die Hauptfigur Sali in einem ländlichen Wirtshaus am Tage seiner Hochzeit für sich und seiner Braut Vrenchen einen feinen und starken Wein, bevor sich beide weiter auf den Weg machen. Dabei rollte der Wein Vrenchen „feurig durch die Adern […], als es ein wenig davon trank; aber es nahm sich in Acht, nippte bloss zuweilen und sass so züchtig und verschämt da, wie eine wirkliche Braut.“

In der ebenso prominenten Novelle Kleider machen Leute möchte der Wirt des Goldacher Gasthofes zur Waage dem Gast Wenzel Strapinski einen bleibenden Eindruck hinterlassen, weil er ihn für einen besonders wohlhabenden polnischen Grafen hält. Er serviert ihm nicht nur seinen besten Bordeaux, sondern auch ein Fläschchen Tokaier, ein Kügelchen Bocksbeutel und eine Champagnerflasche – das beste, was es in der damaligen Zeit an Weinerzeugnissen gab! Dumm nur, dass der vermögende Graf sich als armen Schneidergesellen herausstellte.

Sei es, weil er sich als Schriftsteller nicht immer ganz ernst nahm, sei es, weil Wein für Gottfried Keller gar das Allerhöchste war, so wird ihm das folgende Zitat nachgesagt: „Weisst du, manchmal habe ich das Gefühl, eine Pulle Wein sei mehr wert als die ganze Dichterei“.

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