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Gottfried Keller und der Wert der Dichterei

Der Schweizer Schriftsteller Gottfried Keller ist einer der prominentesten Vertreter des Bürgerlichen Realismus der deutschsprachigen Literatur. Gleichzeitig drückt sich in seinem Werk die Aufbruchstimmung in der 1848 gegründeten modernen Schweiz aus. Typisch für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war Wein allgegenwärtig im Alltag Kellers.

Wein als edelste Gabe der Natur

Gottfried Keller (1819-1890) ist neben Jeremias Gotthelf und Conrad Ferdinand Meyer einer der bedeutendsten Schweizer Schriftsteller des 19. Jahrhunderts. Seine zahlreichen Novellen und Romane geniessen ein so grosses Ansehen, dass Keller im Kanon der deutschsprachigen Literaturgeschichte ein fester Platz zusteht. Wie Max Frisch ein Jahrhundert später, stammte auch er aus der Limmatstadt Zürich.

Wie es scheint, war Keller ein grosser Weinliebhaber. Für ihn waren Weine wertvolle Naturprodukte und kostbare Luxusgüter. Der Wein sei die „edelste Gabe der geistdurchdrungenen lebensnahen Natur“ philosophiert etwa der grüne Heinrich, Hauptfigur des berühmten Romans gleichen Namens. Doch nicht nur in seiner literarischen Welt beschäftigte sich der Schriftsteller mit Wein. In seiner Rolle als Staatsschreiber des Kantons Zürichs liess Gottfried Keller 1862 beispielsweise mit einer Weisung den Klosterkeller Rheinau mit dem Zürcher Spitalamtskeller zusammenlegen. Damit legte er den Grundstein für die Staatskellerei Zürich, die jahrzehntelang die kantonalen Spitäler mit Wein versorgte.

Gottfried Keller in einer Fotografie aus der Zeit um 1870.

Romeo und Julia auf dem Dorfe

In Kellers bürgerlich-realistischen Werken erhält der Leser einen Einblick in die Weinkultur des 19. Jahrhunderts. Bereits damals wurde der Weinkonsum eher gehobener Gesellschaftsschichten zugeordnet, während die Unterschicht vorwiegend Bier konsumierte. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde der Weinbau allerdings von Krisen heimgesucht. In den 1860er- bis 1880er Jahren vernichtete die Reblaus viele Weinbaugebiete in ganz Europa. Gleichzeitig entzog die Abwanderung der Arbeiter in die sich industrialisierenden Städte dem Rebbau die Arbeitskräfte und Wein erhielt zunehmende Konkurrenz durch Bier, Branntwein und Obstmost.

In der populären Novelle Romeo und Julia auf dem Dorfe findet sich eine interessante Stelledie einiges über den weiblichen Weinkonsum dieser Zeit aussagt. Nach einem ausgiebigen Mittagsmahl bestellt die Hauptfigur Sali in einem ländlichen Wirtshaus am Tage seiner Hochzeit für sich und seiner Braut Vrenchen einen feinen und starken Wein, bevor sich beide weiter auf den Weg machen. Dabei rollte der Wein Vrenchen «feurig durch die Adern […], als es ein wenig davon trank; aber es nahm sich in Acht, nippte bloss zuweilen und sass so züchtig und verschämt da, wie eine wirkliche Braut.»

Kleider machen Leute

Doch welche Weine waren den in dieser Zeit beliebt? In der ebenso prominenten Novelle Kleider machen Leute möchte der Wirt des Goldacher Gasthofes zur Waage dem Gast Wenzel Strapinski einen bleibenden Eindruck hinterlassen, weil er ihn für einen besonders wohlhabenden polnischen Grafen hält. Er serviert ihm nicht nur seinen besten Bordeaux, sondern auch ein Fläschchen Tokaier, ein Kügelchen Bocksbeutel und eine Champagnerflasche – das beste, was es in der damaligen Zeit an Weinerzeugnissen gab! Dumm nur, dass der vermögende Graf sich als armen Schneidergesellen herausstellte.

Sei es, weil er sich als Schriftsteller nicht immer ganz ernst nahm, sei es, weil Wein für Gottfried Keller gar das Allerhöchste war, so wird ihm das folgende Zitat nachgesagt: «Weisst du, manchmal habe ich das Gefühl, eine Pulle Wein sei mehr wert als die ganze Dichterei».

In unserem Zyklus zur Schweizer Literatur veröffentlichen wir Artikel über die Wein-Affinität ausgewählter Schriftsteller aus der Schweiz.

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