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Die Vernichtung des französischen Weinbaus

Der französische Weinbau wurde in den 1860er- bis 1880er-Jahren regelrecht vernichtet. Schuld daran waren weder soziale Unruhen, noch politische Umstände, sondern ein winziger, vom menschlichen Auge kaum wahrnehmbaren Schädling – die Reblaus. Die Konsequenzen sind bis heute spürbar.

Bedeutender Schädling im Weinbau

Die Reblaus ist ein flugfähiges Insekt aus der Familie der Zwergläuse. Mit einer Körpergrösse von rund einem Millimeter sind sie vom menschlichen Auge aus kaum wahrnehmbar. Umso grösser können aber die Schäden sein, die von diesem Gelegenheitsschädling verursacht werden. 

Während die Schäden der Blattreblaus sich sehr selten auf das Wachstum der Reben auswirken, schädigen die Wurzelrebläuse die Leitungsbahnen der Wurzeln. Wasser und Nährstoffe können die Rebpflanzen nicht mehr vollumfänglich versorgen, sodass Wachstumsstörungen auftreten und schlimmstenfalls die Rebe abstirbt. Die verursachten Schäden können auch eine Schleuse für Bakterien, Pilze und Viren sein, deren Gefahr für die Rebe keinesfalls kleiner ist.

Reblaus Blattgallen, ©Joachim Schmid

Einschleppung aus Nordamerika

Die Reblaus ist ein sogenannter Neobiota, eine Tierart, die sich wegen menschlichem Handeln in ein neues Gebiet etabliert, wo sie zuvor nicht heimisch war. Die Reblaus war bis ins 19. Jahrhundert nur in Nordamerika verbreitet. Seit der Entdeckung Amerikas im 15. Jahrhundert wurde zwar mit Weinreben experimentiert und einzelne Pflanzen ohne Regulierung nach Europa verschifft. Doch erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Reblaus durch den Import von Rebstöcken aus der amerikanischen Ostküste nach Europa verschleppt. Wahrscheinlich bildeten die Entwicklung des schnellen Dampfschiffes und die Zunahme der globalen Handelsströme im imperialistischen Zeitalters die Voraussetzung dafür. 

Über London kam die Reblaus nach Südfrankreich, wo sie erstmals 1863 im Dorf Pujaut im heutigen Departement Gard nachgewiesen wurde. In den nächsten Jahren verbreitete sie sich rasant in ganz Frankreich und erreichte schon bald Portugal, die Schweiz, Österreich und Deutschland. Doch Frankreich litt in den 1860er- bis 1880er-Jahren mit Abstand am meisten unter der Reblaus-Plage. In historischen Quellen finden sich horrende Zahlen: bis zur Hälfte der französischen Weinanbaugebiete könnten in diesen zwei Jahrzehnten durch die Reblaus verwüstet oder gar vernichtet worden sein. 

Louis Pasteur auf einer Photographie von 1878.

Bekämpfung der Plage

Die französische Landwirtschaft wurde grundlegend erschüttert. Im Jahr des Beginns des Deutsch-französischen Krieges 1870 wurde eine Kommission von der französische Regierung eingesetzt. Diese sollte unter Vorsitz des Chemikers Jean-Baptiste Dumas – 1885 wurde Louis Pasteur Vorsitzender – die Reblaus bekämpfen. Die Resultate waren aber bescheiden, nicht zuletzt wegen den sozio-politischen Umständen dieser Jahren.

Mit wenig Erfolg versuchten viele Winzer auf Eigeninitiative die Reblaus zu bekämpfen. Chemikalien und Pestizide wurden verwendet, Kröten unter jeder Weinrebe gestellt oder Hühner in die Rebberge freigesetzt. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde festgestellt, dass die Verbindung von europäischen Weinreben mit reblausresistenten Unterlagsreben aus Amerika den Fortpflanzungszyklus der Reblaus unterbrechen kann und einen wirksamen Schutz darstellt.

Heute besitzen fast alle Rebberge der Welt geeignete Unterlagsreben. Die Reblaus ist aber bis zu unseren Tagen eine Bedrohung für den Weinbau. Keine Heilmittel existieren gegen diesen Schädling und seinen Verwüstungen. 

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